Der Survey im Stadtgebiet

Im Rahmen des Projekts „Doliche – Stadtentwicklung und kulturelles Milieu im hellenistisch-römischen Nordsyrien“ beginnt 2016 ein intensiver archäologischer Survey im Stadtgebiet.
Systematische Begehungen des Stadtgebietes waren zuvor nicht durchgeführt worden.
Seit der Identifizierung der Lage Doliches durch Humann und Puchstein 1882/1883 ist lediglich mehrfach die Vermutung geäußert worden, dass das ca. 0,72 km2 umfassende Areal des Keber Tepe weitgehend dem antiken Siedlungsgebiet entspricht. Daher ist zu betonen, wie begrenzt unser Wissen zur diachronen Entwicklung und zum Stadtbild Doliches ist. Lediglich die westlich des Keber Tepe im Bereich des modernen Dorfs befindlichen kaiserzeitlichen und byzantinischen Felsnekropolen sind recht gut erforscht. Im Stadtgebiet selbst sind hingegen neben den beiden Mithräen (link) nur Reste einer antiken Druckwasserleitung, einige Zisternen, gelegentliche Felsabarbeitungen und vereinzelte Mauerzüge obertägig sichtbar. Aus christlicher Zeit stammen zwei Felskirchen im Bereich der Felsnekropole sowie eine weitere Kirche, die bei Bauarbeiten am Bahnhof von Dülük entdeckt wurde.

Der 2016 beginnende intensive Survey wird das spärliche Wissen um die raum-zeitliche Ausdehnung, d. h. die Größe der Siedlung zu unterschiedlichen Zeiten, und um die funktionale Gliederung der Stadt wesentlich erweitern. Zunächst steht dabei die Frage der Siedlungsdauer und -kontinuität im Vordergrund. So kann die Verteilung und Konzentration von Oberflächenfunden Hinweise auf mögliche, im Laufe der Zeit fassbare Veränderungen in der Siedlungsgröße sowie auf mögliche Verlagerungen der Siedlungsaktivität liefern. Auf diesem Wege kann auch die historische Überlieferung der Stadtgeschichte durch archäologische Daten ergänzt werden. Historisch bedeutsam wäre beispielsweise die Frage, wann die Besiedlung begann, wie umfassend die überlieferte Zerstörung Doliches durch Šapur I. im 3. Jh. n. Chr. tatsächlich war und wie sich dieses Ereignis auf die Siedlungsstruktur der Stadt in der Folgezeit auswirkte. Hier vermag die Analyse des in diese Zeit datierenden Fundmaterials (Menge, Verteilung etc.) einen wertvollen Beitrag leisten.
Die Analyse der Oberflächenfunde kann aber auch Hinweise auf die funktionale Gliederung der Stadt liefern. Große Konzentrationen bestimmter Funde lassen dabei gegebenenfalls Rückschlüsse auf die Nutzung bestimmter Gebiete zu: Fehlbrände von Keramik oder große Mengen von Metall- oder Glasschlacke könnten beispielsweise Hinweise auf handwerkliche Produktion sein oder die Präsenz großer Mengen häuslicher Gebrauchskeramik, Tesserae und Fragmente marmorner Wandverkleidung könnte als Indikator für elitäre Wohnbebauung dienen.
Auf Grundlage der Oberflächenfunde wird beispielsweise auch der Frage nachzugehen sein, ob im Bereich des Südhanges bereits im Hellenismus und in der Kaiserzeit Wohnarchitektur existierte oder ob möglicherweise in spätantiker Zeit eine Ausdehnung der Stadt oder eine Verlagerung der Siedlungstätigkeit stattfand. Umgekehrt ist zu fragen, ob das politische Zentrum Doliches auch für die spät- und nachantike Zeit im Bereich des Osthangs des Keber Tepe zu lokalisieren ist.
Zur Klärung derartiger Fragestellungen ist die qualitative und quantitative Auswertung einer möglichst für alle Nutzungsphasen repräsentativen Materialprobe notwendig.

Bekanntlich ist die Verteilung archäologischer Artefakte auf der modernen Oberfläche kein Spiegelbild der darunterliegenden Befunde. Sie ist vielmehr das Produkt zahlreicher natürlicher und anthropogener Faktoren, die sich auf die Lage und Position der Funde auswirken. Eine behutsame Analyse, die diesen Faktoren Rechnung trägt, kann gleichwohl bedeutsame Beiträge zur Kenntnis der Stadtgeschichte Doliches leisten. Die durch den Survey gewonnenen Daten sollen auch bei der Wahl zukünftiger Grabungsplätze helfen. Das Stadtbild von Doliche, wie es sich nach Abschluss des Surveys auf Grundlage der Funddaten darstellt, wird sodann durch zukünftige Grabungen weiter konkretisiert und gegebenenfalls korrigiert werden.

Ansprechpartner:

Sebastian Whybrew, M. A.